Familienstellen/Systemische Therapie

 

Was ist Familienstellen?

Die Familienaufstellung wird auch Systemische Therapie genannt. Diese Behandlungspraxis geht in ihrer heutigen Form auf Bert Hellinger zurück. Sie gründet auf dem vom österreichischen Arzt Jacob Levy Moreno entwickelten Psychodrama und auf Virginia Satirs Familienskulptur (auch Familienrekonstruktion genannt).

Bei einer Familienaufstellung in der Gruppe wählt der Patient eine oder mehrere Personen, die er stellvertretend für Mitglieder seiner Familie im Raum anordnet. Durch die Wahrnehmung jedes einzelnen Stellvertreters, wie er sich auf seinem Platz und in seinem Verhältnis zu den anderen Stellvertretern fühlt, tritt die spezielle Dynamik innerhalb der Familien- bzw. Gruppengemeinschaft samt ihren Verstrickungen offen zutage.

Ziel ist es, die gesunde Ordnung für das gesamte System zu finden, in der jeder seinen guten Platz hat, an dem er sich wohlfühlt und Achtung erlebt. Diese gesunde Ordnung gilt es zu verinnerlichen, bis das Lösungsbild innere Realität, „Herzenswahrheit“, geworden ist.

 

Wofür nützt Familienaufstellung? Was kann ich mir davon erwarten?

Das systemische Arbeiten beruht auf der Tatsache, dass kein individueller Organismus für sich allein lebensfähig ist. Der Einzelne ist eingebettet in ein großes Ganzes (gesamte Familie mit Ahnen, Land, gesellschaftlicher Hintergrund etc.), dem er seine Lebens- und Entwicklungsgrundlage verdankt. Im Gegenzug steht er mehr oder weniger in der Verantwortung, seinen Teil zum erfolgreichen Gedeihen des Kollektivs beizutragen (u.a. durch einen bestimmten Beruf, als Elternteil zur Weitergabe des Lebens  – oder durch ein individuelles oder kollektives Schicksal, das ihm widerfährt).

Wenn das System gestört ist, hat das auch Auswirkungen auf Einzelne, deren Auftrag es dann ist, ihren Teil zur Wiederherstellung der gesunden Ordnung des Größeren beizutragen.

Im Umkehrschluss ist es möglich, die eigenen Hindernisse im Leben auf systemische Zusammenhänge zurückzuführen und aufzulösen.

 

Zwei Beispiele

I)

Ein Patient ist, ohne es zu wissen, identifiziert mit dem Leben eines Familienmitglieds, das aus dem Familienverband ausgeschlossen wurde. Das heißt, er übernimmt dessen Schicksal. Das kann für ihn verschiedene symptomatische Auswirkungen haben:

  • schwerwiegende chronische bzw. dramatische Erkrankungen
  • scheiternde Beziehungen
  • anhaltende existenzgefährdende Situationen wie Probleme mit der Arbeit, Unfälle, Betrug
  • Mobbing
  • Suchterkrankungen
  • „Pechsträhnen“, chronische Misserfolge

Um in diesem Fall die „gesunde Ordnung“ herzustellen und damit die lebensschädigenden Folgen zu beseitigen, ist es notwendig herauszufinden, welches Mitglied aus dem Verband ausgeschlossen wurde, mit dem Ziel, ihm seinen Platz in der Familie zu geben. Im Gegenzug löst sich die Identifikation auf und entlässt aus der fremden Rolle. Da, wo das eigene Leben zuvor gestaut war, kann es nun fließen.

II)

Eine Frau wird nach dem Tod des Vaters krebskrank. Die Aufstellung ergibt, dass sie systemisch neben dem Toten steht, seine Nähe sucht. Die Lösung wäre, die Liebe des Vaters aufzunehmen und damit ins eigene Leben zu gehen.

 

Neben der Familienaufstellung gibt es noch die Organisationsaufstellung (hilfreich z.B. bei betrieblichen Problemsituationen) und die Strukturaufstellung bei Fragestellungen zu abstrakteren Lebensthemen wie Entscheidungen über Zukunftspläne, Projekte u.ä.

 

Besonderheiten meiner Aufstellungsarbeit

Seit fast zwanzig Jahren haben sich bei mir Einzelaufstellungen bewährt, die gleichwertig zu Aufstellungen mit der Gruppe sind. Dazu werden die Namen der aufzustellenden Personen jeweils auf ein Blatt Papier notiert und vom Patienten auf die seinem Gefühl nach passenden Plätze gelegt. Dann stellt sich der Patient der Reihe nach auf den Platz der einzelnen aufgestellten Personen und nimmt dabei deren individuelle Situation als eigene Empfindung wahr.

Die Einzelaufstellung hat gegenüber der Gruppenarbeit den Vorteil, dass sie in einem intimeren Rahmen stattfindet. Für viele, die mit der Aufstellungsarbeit vielleicht zum ersten Mal in Berührung kommen oder Schwierigkeiten haben, sich mit ihren Gefühlen anderen Menschen gegenüber zu zeigen, kann das eine enorme Hilfe und Entlastung sein.

 

 

Wichtige Hinweise für die Zeit nach der Aufstellung

Meine langjährige Praxiserfahrung zeigt, dass es mit einer Aufstellung in einer Sitzung in den allermeisten Fällen allein nicht getan ist. Auch wenn durch sie zunächst sehr viel Heilungsenergie freigesetzt wird und ein tiefer Transformationsprozess in Gang kommt, sollten Sie Folgendes mit berücksichtigen, um den größten Nutzen zu gewinnen:

Nach der Aufstellung ist in den allermeisten Fällen eine große Erleichterung zu spüren, der Leidensdruck scheint wie weggeblasen. Die Gefahr besteht dann, sich auf dem „guten Gefühl“ auszuruhen und die eigentliche Heilungsarbeit, das regelmäßige und gründliche innere Sich-Auseinandersetzen mit der Lösung und damit deren Wachsen und Integration im eigenen Lebensgefüge zu vernachlässigen. Das kann dann zur Folge haben, dass die Lösungsenergie trotz der erfolgreichen Aufstellung nach einiger Zeit versickert und ihr eigentliches Potenzial nicht im Alltagsleben ankommt und sich verwirklicht. Um es mit anderen Worten zu sagen: Der Therapeut kann nur Hebammenarbeit leisten, die Pflege selbst liegt in den Händen des Patienten. Dazu kann z.B. auch gehören, sich von Zeit zu Zeit zu vergewissern, ob der eingeschlagene gute Weg noch beibehalten wurde oder ob vielleicht die Notwendigkeit entstanden ist, sich Verfeinerungen bzw. Differenzierungen, die sich in der Folge entwickeln können, anzuschauen und adäquate Lösungsansätze zu erarbeiten, um weiter voranzukommen.

Ebenso zeigt die Erfahrung, dass jeder Mensch mehrere Lebensthemen mit sich trägt, die gelöst werden wollen, pro Aufstellung aber immer nur eines bearbeitet werden kann, eben der anstehende „nächste Schritt“. Sicherlich ist es der Effizienz und der Popularität der systemischen Therapie geschuldet, überhaupt einmal eine Aufstellung zu machen. Oft wird jedoch irrtümlich angenommen, eine einmalige Sitzung sei ausreichend – oder ersetze gar eine ganze Therapie.
Heilung ist jedoch ein tiefer, lebenslanger Prozess. Wenn man diesem Weg treu bleibt, wächst mit jedem Schritt das Gefühl der Verbundenheit mit dem Leben, das Gefühl der Erleichterung, der Dankbarkeit, der Freude und des Friedens.